Tag 12 in China – Der Test

Sonntag, 3.4. – Tag 12 – Der Test
Heute war der Test. Beim Morgentraining haben wir nochmals die Formen und Kicks dafür geübt. Ich war ziemlich schnell erschöpft, vom Gefühl her kurz vorm Kreislaufzusammenbruch. Ich bin ja auch noch in der Genesungsphase. Aber beim Shifu, das hat er dann auch nochmal deutlich gemacht, gibt’s nur entweder Full-Power-Training oder ins Bett gehen. Nur locker mitmachen is nicht…

Der Test war in der Vormittagstrainingseinheit in der Trainingshalle. Alles wurde mit einer Videokamera aufgezeichnet. Eine Gruppe führt dann vor, während die anderen Gruppen und die Headmaster und andere wichtige Leute dieser Schule zuschauen. Der Shifu war super happy mit uns, denn wir haben alles gut hingekriegt. Ich hab auch die Form fehlerfrei durchgezogen, soweit wir sie gelernt haben. Ich war ganz zufrieden mit mir, aber wie wird es auf Kamera aussehen? Jemand meinte, dass ist jetzt seit Wochen das erste Mal, dass der Shifu glücklich ist, weil die Leute die vorigen Tests ständig irgendwie vergeigt haben. Blöd ist, dass der Shifu dann den Ärger  von den Headmastern bekommt, weil er dann offenbar uns nicht gut genug trainiert hat. Das hat zur Folge, dass er seinen Ärger darüber an uns auslässt. So die Erläuterung seitens der Leute, die schon länger hier sind. Von daher ist man doch sehr bemüht, alles korrekt zu machen.

Mittagessen war wieder mein Lieblingsessen – Pilze und Gurken. Nachmittags war wieder Chinesischunterricht, mit dem ich zunehmend besser klar komme. Es geht nur bloß viel zu langsam voran, also lerne ich immer noch meine eigenen Vokabeln, um mich nicht zu langweilen.

Abends durften wir uns dann das Video anschauen. So 20 Kinder und 20 Ausländer zwängten sich dann um einen kleinen Fernseher. Letzendlich will man auf Video ja nur sich selbst sehen, die anderen hat man je eh genügend beobachten können. Ich bin zufrieden mit mir. Ich hatte befürchtet, dass das total krumm und schief aussieht, oder zu langsam. Unsere ganze Gruppe (12 Leute) war oft perfekt im gleichen Rhythmus. Der 540 Grad (oder eineinhalb Runden) Rückwärtsdrehtritt geht noch nicht, aber das kann man wohl kaum nach 2 Wochen erwarten, dass der geht.

Der Shifu hat trotzdem nach dem Test erstmal erzählt, wie es bei ihm im Shaolin Kloster zuging (10 km jeden Morgen laufen, 2 Minuten Zeit zum essen usw.) und dann noch eine Predigt gehalten über die Motivation. Wenn er erzählt, krank sein gibt’s im Shaolin-Kloster nicht, man zieht dann halt eine Jacke mehr an, dann frag ich mich, wie viele der Kids dann halt dabei drauf gehen? Ist das dann eine natürliche Auslese? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man, wenn man krank ist, weiter so hart trainieren kann. Der Körper hat doch dann keine Chance, die Viren zu bekämpfen? Oder ist es anders, wenn man das von klein auf so gewöhnt ist? Man kann bloß kaum von uns gleiches erwarten. Der Shifu erwartet aber, dass wir ständig trainieren, auch in den Pausen. Dass man 10 Minuten vor dem Meeting runterkommt, und sich schon mal mehr stretcht. Ich kann das echt nicht nachvollziehen. Das Training ist echt lang genug, man ist froh über jede Minute Erholung.
Er erzählte – wenn ich sein Englisch richtig interpretiere – dass es so ein einmaliges Ereignis ist, hier zu sein, und dass man dann eben voll motiviert sein müsse. Ihm interessiert nicht, ob wir lieber nach Jao Zuo wollen oder im Bett bleiben wollen – dann sollen wir das eben machen. Aber das ist nicht das, wofür wir hier bezahlen. Auch unser Zimmer kann dreckig sein, alles nicht so wichtig, hauptsache man gibt im Training alles. Dann ist er happy und dann sind wir happy. So ungefähr.

Das ist der erste Tag, an dem ich wirklich gut gelaunt bin. Ich habe mich eingewöhnt, komme mit den Zeiten und Rhythmen klar, das Miteinander wird lockerer, ich kann mich im chinesisch sprechen üben und mit den Kids rumalbern. Wobei die mich heute tatsächlich reingelegt haben. Die haben mich unter irgendeinen Vorwand vom Gemeinschafts-PC dort weggezerrt, nahmen mir meinen Schlüssel aus der Hand und setzten sich dann selbst an den PC, den sie bloß dummerweise gar nicht bedienen können. Ne ne ne.

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