Tag 5 in China – Freude schöner Götterfunken

Sonntag, 27.3. Tag 5 – Freude schöner Götterfunken

Nachdem ich gestern abend noch dachte, ja, meinen Beinen gehts etwas besser, fühlte sich das heute morgen nicht mehr so toll an. Die Schmerzen waren keinen Deut besser. Hinzu kam Husten und Halsschmerzen und neuer Schnupfen. Ich bin seit 2 Wochen permanent verschnupft.

Das Morgentraining war heftig. U.a. stehen in Mabu (der tiefen Reiterstellung) und dann meinte er, wenn einer hochgeht, machen alle 100 Liegestütze. Mein linkes Bein hat gezittert wie Espenlaub, aber ich hab durchgehalten.

Im Vormittagstraining war wieder mal der Berg hochzurennen. Ging gar nicht, bin größtenteils gegangen. Danach passierte etwas seltsames: unser Shifu ging mit uns auf die Felder, wir saßen im Kreis und meditierten 15 Minuten und dann spielten wie den Rest der Zeit ein Spiel. Jeder beginnt reihum mit „Ich habe noch nie …“ und sagt etwas, was er noch nie gemacht hat, und alle melden sich, die das schon gemacht haben.
Das haben wir dann fast 2 Stunden gespielt. Und, na, worum ging es wohl in den meisten Fragen seitens der männlichen Teilnehmer? „I have never had sex with 2 persons at same time“, „I have never bought sex toys“ … Naja, ist wohl auch schwer hier so monatelang ohne Frauen 🙂

Mittags gabs wieder das Gepansche (alles mögliche in einem Topf) und Reis. Diesmal traute ich mich auch, ein paar Fleischstücke zu essen. Mal schauen wie weit ich gehen kann, bis mein Magen revoltiert. Wir ca. 20 Internationalen sitzen an 2 großen runden Tischen. Einige essen komplett nur das bereitgestellte Essen und mögen es sogar, andere nehmen sich zusätzlich eigenes mit an den Tisch, manche essen NUR ihr selbst gekauftes Zeugs. Jeder wie er halt mag.
Reis kann ich immer essen. Ansonsten habe ich Chips aus dem Supermarkt und Kekse. Ja, so komme ich über die Runden. Da tun mir bloß die chinesischen Kinder leid, die sich solche Annehmlichkeiten nicht gönnen können. Die kleinste ist da bestimmt erst 4 oder 5. Es sieht schon echt putzig aus, wie die alle um einen lang tollen. Die meisten begrüßen einen immer total höflich mit Hallo oder Ni Hao.

Nachmittags war nun wieder regulär Chinesischunterricht für mich. Ich sollte 21 Sätze abschreiben. Der Unterricht ist komisch. Es gibt so viele Leerzeiten an denen irgendwie gar nichts gemacht wird. Die anderen bereiten sich dann auf den Test für morgen vor. Ich schau mir dann mein chinesisch-Buch an. Aber vielleicht wird ja nach diesem Test alles anders.

Die chinesisch-Hausaufgaben hab ich nicht gemacht, weil die lächerlich waren und ich nicht dachte, dass die wirklich obligatorisch sind. Als dann Michael 100 Liegestütze machen sollte, weil er sie nicht gemacht hat, habe ich sie dann schnell auf einfachstmögliche Weise auf eine Extraseite gemacht, die 3-minuten-version, und war gerade fertig als sie mich fragte. Ich riss den Zettel raus, dabei gingen leider die Anfangsbuchstaben verschütt, und gab ihn ihr. Sie hat über die Hausaufgabe kein Wort verloren. Herrje, ich will chinesisch lernen aber kein Blödsinn machen. Und die Hausaufgabe war Blödsinn. Naja, anpassen anpassen anpassen… oder? Ich könnte ja auch alles bemängeln oder konstruktive Kritik üben, über den Unsinn einiger Dinge hier reden, aber dann käme ich aus dem Meckern ja gar nich mehr raus und ich glaube ich würde mich sehr unbeliebt machen. Für manche Leute habe ich mich ja jetzt schon über zuviel aufgeregt. Hier gibt es soviel sinnloses Zeugs, was zu nichts nutze ist außer der Disziplin. Aber so ist das in der Armee wohl auch. Und für manche junge Menschen ist das wohl nötig. Diese Minutengenauigkeit auch zu jeder Mahlzeit raubt mir hier irgendwie den Atem.

Unsere Truppe könnte im übrigen unterschiedlicher nicht sein. Vom religiösen netten Typen, der sich vor dem Essen bekreuzigt, und sein Enlightment gerade aus einem ZEN-Buch geschöpft hat und nun ständig gut drauf ist (wow! sehr inspirierend), ein Schwarzafrikaner, einem Chinesen, dem das hier ales zu weich ist, ein älterer Chinese mit philosophischen Weisheiten, ein ruhiger und disziplinierter aus Singapur, ein fast Blinder, einige Pickupper, u.s.w.

Am Abend durfte wir dann „Freude schöner Götterfunken“ auf chinesisch vor der Gruppe vorsingen. Bestimmt 50 mal Ode an die Freude zu singen, ohne wirklich genau zu wissen, wie die Pinyin-Umschrift ausgesprochen wird (ich weiß es ja gottseidank aufgrund meines Vorher-Lernens schon ein bisschen, aber noch nicht gut genug), finde ich trotzdem stark kontraproduktiv.

Dann sollten wir noch wie die Kinder mit dem Shifu laufen üben am Abend. Also auf Kommando alle links um, Fäuste an die Seiten und dann im Gleichschritt und bis zum Stopkommando (ich sag’s ja, wie in der Armee). Wenigstens hat einer gesagt, dass er das nicht will, dass er keinen Sinn drin sieht, er es aber trotzdem tun wird. Der Unmut unter der Gruppe die Abendfreizeit dazu zu nutzen war wohl deutlich genug, so dass unser Shifu es nach einer Runde gut sein ließ.

Lustig ist, wenn Laoshi selbst die englischen Wörter falsch ausspricht, und wir dann ihr Englisch-Unterricht geben…
Das gleiche beim Shifu. Der versteht manches einfach nicht. Wenn man z.B. sagt „Do you hate her?“ versteht er „hit“ statt hate, das ist wohl im chinesischen der gleiche Ton. Es ist ziemlich gut, dass dann in unserer Gruppe ein Chinese dabei ist, der dann immer übersetzen kann. Ich nehme an, dass es deutlich schwieriger ist, als Chinese Englisch zu lernen, als als Deutscher. Das Deutsche ist einfach nahe am englisch dran, chinesisch ist aber dermaßen komplett anders, da steckt eine völlig andere Denkweise hinter.

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